31.05.2013 - Gerechtigkeit für Jonny K.


Am Donnerstag, dem 30.Mai war ein weiterer Verhandlungstag im Prozess gegen die Körperverletzer mit Todesfolge von Jonny K, der im Oktober vergangenen Jahres in Sichtweite des Berliner Roten Rathauses von vier jungen Türken zu Tode getreten wurde.
Ich wollte mir selbst ein Bild machen, also begehrte ich in der Früh Einlass in das Gebäude des Berliner Landgerichts in der Turmstraße. Ich war schon fast durch die Eingangskontrolle durch, als mich der Einlasser fragte, ob ich wüsste, wo ich hin müsste.
Als er hörte zu welchem Prozess ich wollte, wurde ich umgehend zu einem Nebeneingang an der Seite komplimentiert. Hier warteten schon ein paar junge und wenige ältere türkische Männer. Es dauerte eine Weile, bis ich endlich ins Gebäude gelassen wurde. Als Vorletzte. Ich bekam eine Nummer in die Hand gedrückt und stieg eine Nebentreppe hinauf. Nach dem ersten Stock ging es nicht weiter. Die weiteren Treppenabsätze waren voll besetzt, überwiegend mit Türken: viele junge Muskelmänner, die keiner Arbeit nachzugehen scheinen, ein paar ältere, wenige Frauen. Spannung und unterdrückte Aggression lagen in der Luft. Nicht weit von mir stand eine hübsche junge Frau mit einem Beutel: I am Jonny. Ich sagte ihr, dass ich auch gern so einen Beutel hätte, damit es wenigstens zwei wären.
Sie erzählte mir von den vorangegangenen Verhandlungstagen und dass sie sich mit einer Journalistin von Spiegel online in die Haare gekriegt hätte. Die Spiegelredakteurin hatte politisch korrekt Reue bei den Tätern bemerkt und vermeldet, wo es doch nur eine leere Formel des Bedauerns gewesen war, die jede Glaubwürdigkeit vermissen ließ. Die Täter hätten bei ihren Aussagen nicht ein einziges mal Jonny beim Namen genannt, sondern nur von „der Sache“ gesprochen, wegen der sie jetzt „Schwierigkeiten“ hätten. Sie hätten sich sogar darüber beschwert, dass sie von Mitgefangenen angesprochen worden seien, ob sie die „vom Alexanderplatz“ wären. Die Anwälte der Angeklagten hätten Jonny K.s Schwester Tina attackiert, weil sie den Fall im Internet so publik gemacht hätte. Im Übrigen hätten die Angeklagten gegrinst. Die wenigen Unterstützer von Tina im Zuschauerraum seien immer wieder angerempelt und beschimpft worden.
Nachdem sich die Tür zur Zuschauertribüne geöffnet hat,sitzen wir dicht gedrängt zwischen den Unterstützern der Täter.
Der erste Zeuge wird gerufen. Ich staune, mit wie vielen Entschuldigungen („bitte betrachten Sie das nicht als Misstrauen, ich muss das tun“)der Richter den Zeugen darüber belehrt, dass er vor Gericht die Wahrheit zu sagen hat.
Der Verlauf der Befragung legt dann die Vermutung nahe, dass der Zeuge keinesfalls die Wahrheit sagt. Ali, 23, der bei der Polizei präzise Angaben gemacht hat, dass zwei der Täter den Begleiter von Jonny attackiert hätten, vier von ihnen auf Jonny, als er schon am Boden lag, eingetreten hatten, auch auf den Kopf , konnte sich vor Gericht an nichts mehr erinnern.
Der Richter hält ihm sogar vor, dass er zu Protokoll gegeben hatte: „Das waren Ausländer, nur die Ausländer machen Probleme“. Natürlich kann sich Ali auch daran nicht mehr erinnern. Immerhin bestätigt er, der Polizei die Wahrheit gesagt zu haben.
Seine Angst ist im ganzen Saal spürbar. Wer ihn unter Druck setzt und womit, will er nicht sagen.
Leider macht dann der Schöffe einen Fehler. Er fragt Ali, angesichts des unglaubwürdigen Erinnerungsverlustes, ob er zu feige sei, auszusagen oder ob er das Gericht verarschen wolle. Obwohl der Richter umgehend die Wortwahl des Schöffen rügt, nehmen die Anwälte der Angeklagten die Gelegenheit wahr, einen Befangenheitsantrag gegen den Laienrichter zu stellen. Die Verhandlung wird unterbrochen.
Ich nutze die Gelegenheit, um an die frische Luft zu gehen. Beim Verlassen des Gebäudes muß ich meine Nummer abgeben und werde belehrt, dass mein Wiedereintritt nicht gewährleistet sei. Wenn noch andere Zuhörer kämen, müsste ich draußen bleiben.
Im Café gegenüber setzen sich Journalistinnen neben uns. Eine ist von der Süddeutschen Zeitung. Als ich von der aggressiven Haltung der im Zuschauerraum anwesenden Türken erzähle, ich hatte beim Hinausgehen gehört, wie zwei Türkinnen die Unterstützer von Tina beschimpften, ist sie erstaunt. Sie hatte geglaubt, dass Tina übertreibe, als sie von ähnlichen Vorfällen berichtete. Als mein Begleiter von einem Gewaltexzess sprach, wie sie ihn barsch zurecht: der Gerichtsmediziner hätte ausgesagt, Jonnys Leiche sei bis auf eine Platzwunde an der Augenbraue fast unversehrt gewesen. Es hätte sich auf keinen Fall um einen Exzess gehandelt.
Was bitte, ist dann die politisch korrekte Bezeichnung dafür, dass vier Muskelmänner auf einen wesentlich kleineren liegenden Mann mehrfach eintreten, auch auf den Kopf? Sie wollten nur spielen?
Ich habe dann die Aussage des Gerichtsmediziners noch mal nachgelesen: äußerlich war tatsächlich nicht so viel zu sehen, aber im Kopf hatte Jonny vier fürchterliche Wunden, von denen jede einzelne zum Tod führen konnte.
Als ich das Gerichtsgebäude wieder betreten wollte, wurde ich an der Tür von zwei Jungtürken rigide beiseite geschoben, zwei weitere zwängten sich an mir vorbei.
Die Einlasskontrolle bedauerte: sie könnten nicht sehen, was vor der Tür geschehe. Außerdem hätten die jungen Männer gesagt, ich hätte mich vordrängeln wollen. Als ich fragte, ob sie es für wahrscheinlich hielten, dass sich eine Dame meines Alters mit vier jungen Männern anlegt, zuckten sie hilflos mit den Achseln. Ich wüsste doch, wie das sei.
Aha, wenn man also weiß, was los ist, warum stellt man nicht einen von der Einlasskontrolle vor die Tür, um zu verhindern, dass die wenigen Sympathisanten von Jonny K. nicht auch noch weggedrängt werden?
Die Verhandlung ging dann weiter mit noch einem Zeugen, der sich an nichts mehr erinnern konnte und endete mit der ungewissen Aussicht, ob sich das Gericht entschließt, dem Antrag der Verteidigung stattzugeben und den Schöffen für befangen zu erklären. Dann müsste der Prozess noch mal von vorn beginnen....



11.05.2013 - Von der Schillergruft zum Schillerpreis

Jürgen K. Hultenreich ist einer der bemerkenswertesten Schriftsteller der ehemaligen DDR, leider bislang nicht mehr als ein Geheimtipp.
Dabei ist der 1948 in Erfurt geborene Autor ein wahres Multitalent: in der DDR war er Musiker und Lyriker. Nach seiner Ausweisung in den Westen 1985 veröffentlichte er in schneller Folge Gedichtbände, Romane, Erzählungen. Im Jahr 1990 erhielt er den Marburger Literaturpreis, dann wurde es still um den Autor. Seine Veröffentlichungen wurden hauptsächlich von Kennern goutiert.
Vor ein paar Jahren entdeckte Hultenreich seine Neigung zur Malerei wieder und hat seitdem als „Tuschör“ eine erstaunliche Palette von Tuschezeichnungen geschaffen, die bald Beachtung fanden und schon in mehreren Ausstellungen zu sehen waren.
Dankenswerterweise hat die Deutsche Schillerstiftung Hultenreichs Roman „Die Schillergruft“ wieder entdeckt und gestern in Marbach mit der „Kester- Haeusler-Ehrengabe 2013 prämiert.
Eine wohlverdiente Auszeichnung. Zu vermuten ist, dass Dr. Jens Kirsten den Vorschlag gemacht hat, denn er kommt aus Weimar, das Erfurt benachbart ist und wo Hultenreich immer noch eine Art Legende ist, obwohl der Autor schon fast dreißig Jahre im Wedding lebt.

Die „Schillergruft“, die in diesem Jahr in einer erweiterten Fassung neu aufgelegt wurde (Edition A.B.Fischer), ist einer der eindrücklichsten Romane über die untergegangene DDR. Georg Hull, der Held der Geschichte, wird als 18-jähriger wegen versuchter „Republikflucht“ verhaftet und vor Gericht gestellt. Weil er auf die Frage der Staatsanwältin, was er denn lese, vier mal antwortet: „Schiller“, beantragt die, ihn in eine Psychiatrische Klinik zu überwiesen.
Dort wird Hull auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht. Vor allem prüft sein Arzt sehr ausführlich, ob Hull beliebige Schillerzitate ergänzen kann. Er kann. Nicht nur das. Hultenreich schildert die Erlebnisse seines Helden in der Klapsmühle mit so viel Humor und philosophischer Reflexion, dass man bald merkt: nicht Hull ist krank, sondern die Gesellschaft, in der er zu leben gezwungen ist und mit ihr alle, die ihr aus Überzeugung oder Opportunismus dienen.
Hull ist eine Art Eulenspiegel, der hinter dem sozialistischen Antlitz immer wieder die Fratze einer totalitären Gesellschaft bloß legt, die alle individuellen Regungen zu ersticken sucht.
Seine Staatsanwältin, die ihm nicht viel mehr vorwerfen kann, als dass er die Grenze zur befreundeten CSSR unbefugt überschritten hat, denn für einen Fluchtversuch in den Westen fehlen sämtliche Beweise, klagt ihn dann an, weil er die Rolle des Kollektivs missachte und nicht verstanden hätte, dass nicht individuelle, sondern nur kollektive Leistungen zählten.
Hultenreich verliert nicht nur nie seinen Humor, seine Schilderungen sind auch fern von jeder Schwarz-Weiß-Malerei. Er berichtet, wie der Vertreter seiner Brigade versucht, vor Gericht durch eine günstige Schilderung von Hulls Persönlichkeit, ihm zu helfen. Selbst sein Gefängniswärter lobt sein Verhalten in der Untersuchungshaftanstalt. In der Psychiatrie hört der junge Nachtwächter den Saarländischen Rundfunk und Hull darf neben ihm mithören. Ruby Tuesday von den Stones wird in seinem Kerker das Symbol für ein Leben in Freiheit.
In die Handlung verwoben ist eine der zartesten Liebesgeschichten der deutschen Literatur. Das Nachbarmädchen Marion, das er kennt, seit sie als Baby in ihrem Kinderwagen im Hof rum stand, wird seine erste Liebe. Der Gedanke an sie hält ihn aufrecht, wenn ihn seine Umgebung zu erdrücken droht. Sie holt ihn ab, als er nach einer zweiten Verhandlung eine Bewährungsstrafe bekam. Das es dennoch keine Happy- End- Geschichte wird, ist schon vorher klar. Für Liebespaare kann sich Hull nur ein Ende vorstellen, wie es Gottfried Keller in „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ beschreibt.
Während das Schiff seine Fahrt fortsetzt, treibt es die Liebenden in den dunklen Fluten davon.
Hultenreichs Buch ist aber trotzdem eine Ermutigung. Für alle, die von der Macht und ihren Inhabern nicht beeindruckt sind, die wissen dass Freiheit ein Gefühl von innen und keine milde Gabe von außen ist. Für alle, die wissen, oder ahnen, dass es ein Wert an sich ist, sich jenseits von Anpassung und Opportunismus bewegen zu können so wie Hull/ Hultenreich.



01.05.2013 - Adonisröschen und Schukow-Bunker: eine Oderbruchwanderung


Heutzutage gibt es kaum eine stillere, friedlichere und doch von der Geschichte gezeichnetere Landschaft in Deutschland als das Oderbruch.
Geschaffen wurde es in seiner heutigen Gestalt durch die Begradigung der Oder auf Befehl von Friedrich II und die darauf folgende Trockenlegung. Das entstandene Kulturland wurde systematisch besiedelt in neu angelegten Straßendörfern. Die Neusiedler wurden durch Vergünstigungen gelockt, einen der besten, aber schwieristen Ackerböden zu bearbeiten. Wer das wagte, gewann bald beachtlichen Wohlstand.
Das Dörfchen Reitwein gilt als die anerkannte „Perle des Oderbruchs“. Keine acht Kilometer von der ehemaligen Festungsstadt Küstrin entfernt, ist seine Lage durch die „Reitweiner Nase“ geprägt, ein Bergsporn, der die tischebene Landschaft überragt.
So klein das Dörfchen ist, in der Geschichte hat es zweimal eine entscheidenden Rolle gespielt.
Zu Beginn des Jahres 1762 hatte die Russische Armee die Stadt Kolberg genommen und der preußischen Militärmaschine Friedrichs des Großen tödlichen Schaden zugefügt. Die Vortrupps der Russen hatten Reitwein erreicht. Die Straße nach Berlin stand offen.
Nur noch ein Wunder konnte Preußen retten. Und dieses Wunder geschah. In Rußland starb Zarin Elisabeth. Ihr Thronfolger Peter III, ein bekennender Preußenliebhaber, bot dem überraschten Friedrich Friedensverhandlungen an und wollte nicht mal Ostpreußen haben, das Friedrich ihm zu überlassen bereit war.
Fast zweihundert Jahre später hoffte der Gröfaz auf ein ähnliches Wunder nach dem Tod Roosevelts. Vergebens. Diesmal wurde Reitwein Ausgangspunkt der größten Schlacht des II. Weltkrieges auf deutschem Boden. Auf dem Reitweiner Sporn ließ Generalfeldmarschall Schukow den Bunker errichten, von dem aus er die Schlacht auf den Seelower Höhen befehligte.
Wenn man heute in dieser Gegend wandert, besonders im Frühling, könnte man sich im Paradies wähnen, ob der üppigen Blütenpracht der lieblichen Hänge. Einen regelrechte Touristenattraktion sind die Adonisröschen, die hier noch in Massenbeständen vorkommen und wie tausende kleine Sonnen leuchten, dass es dem Auge fast weh tut.
Erst auf den zweiten Blick realisiert man, was es mit den zahllosen Vertiefungen auf sich hat, die wie Pocken den Höhenzug befallen haben: es sind die Schützenlöcher und Laufgräben. Unter der Frühlingsblütenpracht liegt eines der blutigsten Kapitel der Geschichte. Noch heute werden jährlich bis zu hundert Skelette geborgen und bestattet, entweder auf einem der zahlreichen sowjetischen oder deutschen Soldatenfriedhöfe der Gegend.
Auf dem Weg zum Befehlsbunker der Roten Armee kommt man an der Stühler- Kirche vorbei, eine romantische Ruine, wie aus einem Bild von Caspar-David-Friedrich. Ihr Turm war, als die Sowjets an der Oder standen, wie alle anderen Kirchtürme gesprengt worden, um ihrer Artillerie keine Anhaltspunkte zu bieten.
Das Schloss des Dorfes, der Familiensitz der Finck von Finckensteins, wurde dagegen erst 1962 dem Erdboden gleich gemacht, obwohl es noch bewohnt war. Heute zeinet eine Buchenhecke die Umrisse nach.
Der letzte Nachfahre des Geschlechts hat sich wieder im Dorf niedergelassen. Er hat die Villa seiner Eltern, die, so lange die alte Gräfin noch lebte, nicht im Schloß wohnen konnten, wieder aufgebaut. Er erzählt, dass im Winter 1945 Reitwein drei mal von den Sowjets erobert und wieder zurück gewonnen wurde, ehe es endgültig in den Händen der Roten Armee blieb. Am 30. Januar 1945 waren die Rotarmisten bis zur Umzäunung des Schlossparks vorgerückt, dann aber stehen geblieben. Am nächsten Tag verließen die Schlossbesitzer und ihr Gesinde per Treck den Ort Richtung Westen.
Sie nahmen fast nichts mit. Sie glaubten immer noch an den Endsieg.
Anfang April begann Schukows 1. Weißrussische Front mit den Vorbereitungen auf die Entscheidungsschlacht. Der Oberbefehlshaber weilte noch in Moskau, um Stalins Instruktionen entgegen zu nehmen. Am ersten Mai, so wollte es der Generalissimus, sollte die Rote Fahne auf dem Reichstag wehen. Den gleichen Befehl erteilte er Marschall Konew von der 1. Ukrainischen Front und löste damit einen rivalisierenden Wettlauf zwischen den Befehlshabern aus, der mit aller Rücksichtslosigkeit durchgeführt wurde und viele Soldaten das Leben kostete.
Schukowas Bunker liegt etwas unterhalb des Aussichtspunktes mit dem besten Blick auf die Seelower Höhen. Am 16. April um 5.00 Moskauer Zeit sollte es losgehen. Vorher servierte im Bunker ein Mädchen mit dem deutschen Namen Margot den Generalitäten Tee, dann stiegen sie die heute noch vorhandene Holztreppe hinauf.
Unten standen sich eine Millionen sowjetische Soldaten und 100 000 deutsche Ersatz-Truppen gegenüber: eilig aus den Armeebüros herbei Georderte, Volkssturm, leicht Verwundete. Das letzte Aufgebot.
Als Shukow eine Viertelstunde später per Telefon den Beginn der Offensive befehligte, begann das wohl größte Trommelfeuer der Geschichte. Es wirbelte ungeheuere Mengen Staub auf, was den Vormarsch behinderte, traf aber leere Stellungen, die von den Deutschen in Erwartung des Angriffs geräumt worden waren.
Zusätzlich erschwert wurde der Angriff , weil das Gelände von tausenden an Flugzeuge montierte Scheinwerfern ausgeleuchtet wurde, was die Rotarmisten zu Schießscheiben machte.
Am Ende des Tages endete der Angriff im Desaster. Schukow musste Stalin melden, dass er das Ziel nicht erreicht hatte.
Da die Verluste noch höher, als bei der Sowjetarmee ohnehin üblich, gewesen waren, ließ Schukow Nachschub von jenseits der Oder kommen, obwohl die dortigen Truppen noch nicht gefechtsbereit waren. Am nächsten Tag behinderten sich die Truppenteile auf den engen Oderstraßen gegenseitig. Erst am dritten Tag gelang der Durchbruch. Die Verluste auf Seiten der Roten Armee mit ihrer überlegenen Waffenstärke waren dreimal so hoch, wie bei den Deutschen. Erst am 2. Mai wehte die Rote Fahne auf dem Berliner Reichstag.

Sechzig Jahre danach ist das alles längst nicht vergessen, aber es herrscht sichtbar ein neuer Geist: In der geschickt konservierten Kirchenruine von Mallnow findet man auf zwei Tafeln die Geschichten zweier in der Schlacht Gefallener, eines deutschen und eines sowjetischen Soldaten. Ihre Kinder erzählen, wie sehr sie ihre Väter immer vermisst haben. Das ist eindrücklicher als jede Heldenrhetorik. Die heute gefundenen Toten werden in gemeinsamen Zeremonien zur letzen Ruhe gebettet. Manchmal kommen auch Angehörige aus den ehemaligen Sowjetsaaten, um ihren lange verschollen gewesenen Lieben die letzte Ehre zu erweisen. Nicht selten entstehen Freundschaften aus solchen Begegnungen.
Damals waren auch polnische Soldaten in Seelow dabei. Heute kommen die Polen zum „Deutsch-polnischen Heiratsmarkt“ nach Reitwein. (Der nächste ist am 24. Mai !) Wenn hier etwas knallt, dann sind es Sektkorken.
Auf der anderen Seite der Oder hat im ehemaligen Küstrin ein spannendes Vorhaben begonnen. Die nach dem Zeiten Weltkrieg bis auf die Grundmauern niedergerissene Stadt, die Steine wurden nach Warschau für den Wiederaufbau geschickt, ist weitgehend wieder frei gelegt worden. Die alten Straßen, deren Originalbelag samt Straßenbahnschienen noch da ist, wurden mit neuen Straßenschildern versehen. Tafeln informieren über die Lage von Festungen, Schloß, Kirche, Stadttoren. Der Wall, auf dem der Freund des Kronprinzen Friedrich, Katte, enthauptet wurde, ist bereits restauriert. Am Schloß finden Ausgrabungen statt. Es heißt, die Polen hätten vor, die Altstadt wieder aufzubauen, wie die Dresdener die Frauenkirche.
Das wäre ein gutes Zeichen, wenn auf einem der schlimmsten Schlachtfelder der Geschichte Krieg und Gewalt nicht das letzte Wort haben.



29.04.2013 - Tatort als geistiger Brandstifter


Wenn man den Medienhype um den zweiten Hamburger Tatort „Feuerteufel“ verfolgt, wo viel über die Beziehung Till Schweiger- Wotan Wilke Möhring die Rede ist, bis hin zum gemeinsamen Toilettengang auf dem Bildschirm, fragt man sich unwillkürlich, ob unsere Meinungsmacher noch ganz dicht sind. Statt Analysen oberflächliches Geplapper im Boulevard- Stil. So weit, so öde, wenn mit diesem Film nicht eine Botschaft verbreitet worden wäre, die nichts Gutes für die Zukunft unserer Rechtsstaatlichkeit ahnen lässt.
Abgesehen davon, dass die Grundidee des Drehbuchs von einer Stubbe- Folge, die zudem auch noch in Hamburg spielt, recycelt, oder sollte man besser sagen, geklaut, wurde, bekommt der Zuschauer ein links- grün- alternatives Weltbild serviert, dass einem kalte Schauer über den Rücken jagt.
Das geht mit dem Brandstifter los, der, exakt wie bei Stubbe, so unschuldig-süß in die Kamera gucken muss, dass klar ist, dies ist ein guter Junge, der höchstens marginal über die Stränge schlägt. Er kommt sowieso aus dem armen Osten der Stadt und zündelt im reichen Westen, der, das wird in der Folge vorgeführt, eigentlich auch nichts Besseres verdient hat. Der arme Feuerteufel will bloß seiner Freundin imponieren, die von den Flammen auf seinem Handyvideo offenbar auf sein heißes Begehren schließen soll.
Leider verdirbt ihm eine „Schlampe“ den Spaß, die doch Dreistigkeit besessen hat, in ihrem Auto vor sich hinzudösen, was unserem Brandstifterlein leider entgangen war.
Er flucht, aber zieht die Frau raus, ruft sogar den Notarzt an, denn im Grunde ist er ja eine gute Seele.
Leider läuft dem Engel mit Bettelblick noch mehr aus dem Ruder. Bei einer Schlägerei mit einem (na klar !) verdächtig „rechts“ aussehendem Typen kommt dem das Handy in mit der flammenden Liebesbotschaft in die unbefugten Hände. Da bleibt rein gar nichts übrig, als die Glatze abzustechen. Damit der Zuschauer auf keine dummen Gedanken kommt, bricht der Messerstecher am Tatort in ein herzzerreißendes Schluchzen aus.
Sein weiterer Amoklauf führt ihn zum Ehemann der toten Autobesitzerin, in dessen Garten der ein weiteres Feuerchen legen musste, denn dieses Abbild eines verachtenswerten Spießbürgers hatte tatsächlich ein Kopfgeld auf den Autozündler mit Todesfolge ausgesetzt.
Glücklicherweise naht in höchster Not die Rettung in Gestalt des Kommissars Torsten Falke, aus dem Problemviertel Billstedt stammend und von daher ausgerüstet mit dem „richtigen“ Sinn für „Gerechtigkeit“. Falke hatte von Anfang an so ein „Bauchgefühl“, dass die Schuldigen im reichen Westen sitzen müssten. Das ist alleiniger Maßstab für seine Ermittlungen. Der Ehemann der Toten ist ihm gleich verdächtig und die aufgebrachten Bürger, die an die 300 Autobrände pro Jahr ertragen müssen, von denen nur 5% Prozent aufgeklärt werden sind die eigentlichen Schurken. So werden sie auch dargestellt: unsympathische, heimliche Rechtsradikale, die nicht die erforderliche politische Korrektheit (früher sagte man Reife) besitzen die Brandstiftungen sich selbst zuzuschreiben.
Hier greift Falcke hart durch. Als er ein paar bürgerlich aussehende Elemente um das ausgebrannte Auto herum stehen sieht, bedeutet er ihnen, sofort Leine zu ziehen, sonst würde ihnen einen kleinen Arrestaufenthalt verpassen. Auf die Frage einer Frau, was sie denn getan hätten antwortet er tatsächlich: „Ach, da werde ich mir was Schönes ausdenken“.
An dieser Stelle sind wir mit der ARD in der DDR gelandet, wo ähnliche Praktiken alltäglich waren, wenn ich auch gestehen muss, dass die Stasimänner selten so gut aussahen, wie der coole Kommissar.
Natürlich findet Falcke den Beweis für die Verderbtheit der von ihm Vertriebenen. Ein Flugblatt, das vermittels einer plumpen Fälschung die Autozündelei der Antifa in die Schuhe schieben soll. Natürlich fällt Falcke nicht darauf herein. Er hat nämlich beste Verbindungen zur Antifa, einer ehrenwerten Truppe, die in ihrem Kampf gegen Rechts von der Polizei im Stich gelassen wird, was Falcke zu einem seiner häufigen Wutausbrüche verleitet: „Denkst Du, mir gefällt das?“.
Die Antifa, wird dem Zuschauer nachdrücklich klar gemacht, hat nichts mit Autobränden zu tun. Wer es noch nicht begriffen hat, erfährt es noch mal aus dem schönen Mund von Falckes Assistentin (Petra Schmidt-Schaller), deren natürliche Lebendigkeit von der Regie zu einer synthetischen Lifestyle-Puppe mit Hirn und Hotpants degradiert wurde.
Am Ende wird der wahre Schurke überführt : Der Ehemann war am Tatort und hat seine Frau mit bloßen Händen erstickt, weil er ihre ständigen Drogenabstürze nicht mehr ertragen konnte. Macht nichts, dass außer diesem ganz und gar unglaubwürdigen Geständnis, nichts dafür spricht. Die Gerechtigkeit, wie Falcke und seine Gesinnungsgenossen sie verstehen, hat gesiegt. Der Feuerteufel darf angesichts so viel heimlicher bürgerlicher Verderbtheit noch mal in ein finales Schluchzen ausbrechen, dann ist die Schauerstück endlich zu Ende.
Aber der nächste Tatort mit Falcke droht und wir müssen das bezahlen, ob wir wollen, oder nicht.



13.04.2013 - Terrorismus als Lebensentwurf


Brandenburg ist die unentdeckte Perle unter den deutschen Bundesländern. Besonders seine alten Gutshäuser, die Kriege und die DDR überlebt haben, verführen zum Träumen. Wer Sehnsucht nach Brandenburg bekommen möchte, muß sich den Film „Das Wochenende“ unbedingt anschauen. Die Kamera liebt dieses Land und hat wunderschöne Bilder eingefangen.
Das ist aber schon das Beste, was man vom Film sagen kann. Denn als Kammerspiel über Lebensentwürfe und ihr Scheitern ist das Werk trotz großartiger schauspielerischer Leistungen total missglückt.
Die Zentralfigur Inga, gespielt von einer brünetten Katja Riemann, die ahnen lässt, welches Potential in dieser Mimin noch brach liegt, wird durch einen Anruf ihrer Freundin aus ihrem gewohnten Leben gerissen. Der Vater ihres Sohnes Gregor, ein ehemaliger RAF-Kader, wird überraschend vorzeitig aus der Haft entlassen. Sie wird mit ihrem Mann von der Schwester des Terroristen zu einem Wochenende auf ein entlegenes brandenburgisches Gutshaus eingeladen.
Hier soll die Entlassung gefeiert und ein alter Freundeskreis wieder zusammengeführt werden. Daraus wird nichts. Misstrauen und Missmut beherrschen die Begegnung.
Achtzehn Jahre Haft haben dem Terroristen Jens (Sebastian Koch)äußerlich kaum etwas anhaben können. Ebenso wenig hat sich sein Denken geändert. Als Erstes holt er eine in seinem Plattenspieler versteckte Pistole hervor. Er scheint zu überlegen, ob er sie gegen Henner richtet, der die RAF verließ, als sie mit dem Morden begann und den er für einen Verräter hält.
Sylvester Groth als RAF-Aussteiger und Buchautor, der über seine ehemaligen Genossen schreibt und lieber Forellen mit der Hand fängt, als Menschen zu Tode bringt, bleibt leider ziemlich blass neben dem „gradlinigen“ reuelosen Terroristen. Zweifel und Angst, die Sebastian Koch seiner Figur in einem Interview zum Film zuschreibt, sind für den Zuschauer nicht zu bemerken, wohl aber die Aura des einsamen Kämpfers für eine „gerechte“ Sache.
Nur Ingas Mann Ulrich gelingt es, diese Attitüde als verlogen zu entlarven. „Ihr ward einfach Killer!“, hält er Jens entgegen. Es ist Tobias Morettis große Leistung, dass seine Figur die realistische Bewertung der RAF eindrucksvoll und glaubwürdig macht.
Leider wird Ulrich durch die Entscheidung Ingas gegen ihren Mann konterkariert. Warum sie ihn, der ihren Sohn wie einen eigenen angenommen hat, einen Beruf ausübt, der das Leben der Menschen bereichert und der in seiner Freizeit Unterschichtkindern das Kochen beibringt, für einen reuelosen Killer stehen lässt., kann nur erklärt werden, wenn man weiß, dass die Regisseurin Nina Grosse Terrorismus für einen „Lebensentwurf“ und die RAF für Vertreter einer ganzen Generation hält.
Deshalb muß auch Sohn Gregor, kongenial gespielt von Robert Gwisdek, der erst als angeblicher Aktivist der linksradikalen Berliner Szene seinem Erzeuger als absurden Ewiggestrigen entlarvt, am Ende den frustrierten Sohn, dessen Schrei nach Liebe vom Knastvater nicht erhört wurde, geben.
Gwisdeks stärkster Auftritt ist, als er seinem Vater, der ihm auf seine Aufforderung, sich für sein erbärmliches, verpuschtes Leben zu entschuldigen, entgegenhält hat, an ihn würde man sich erinnern, an den Sohn nicht, die Hand auf den glühenden Grill presst, um seinem Erzeuger eine bleibende Erinnerung zu verpassen.
Kurz darauf zwingt ihn das Drehbuch, dem Mörder die Hand zu geben, nachdem der mit sanfter Stimme die angeblichen Ideale erläutert hat, für die man eben töten musste.
Fazit: die RAF hatte zwar vielleicht nicht die richtigen Mittel angewendet, aber das moralische Recht auf ihrer Seite. Ein reueloser Terrorist hat mehr Sexappeal als ein wunderbarer Ehemann. Selbst die Wut des Sohnes richtet sich nicht gegen den Mörder, sondern gegen den Vater, der sich entzieht.
Mehr verlogene RAF-Romantik und Geschichtsklitterung sind kaum möglich.
Besonders ärgerlich ist, dass so etwas mit unseren Zwangsgebühren finanziert wird.



23.02.2013 - Lieber Andreas Schmidt-Schaller,

Lieber Andreas Schmidt- Schaller,

nach Ihrer erzwungenen „Bild-Beichte“ möchte ich Ihnen sagen: Das haben wir nicht gewollt, als wir uns stark machten für die Stasiaktenöffnung.
Ich gehöre zu den Architekten des Stasiunterlagengesetzes der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR und habe als Abgeordnete des Deutschen Bundestages maßgeblich mit dafür gesorgt, dass die parlamentarische Mehrheit für die Aktenöffnung zustande kam.
Wir hatten die Absicht, den von der Staatssicherheit Verfolgten die Möglichkeit zu geben, zu erfahren, wer in ihr Leben eingegriffen hat und von wem sie bespitzelt wurden.
Für viele Tausende bedeutete das die Chance herauszufinden, dass manches, was in ihrem Leben schief gelaufen war, etwa die Kündigung eines lieb gewordenen Arbeitsplatzes, die Entfremdung von Freunden, familiäre Missverständnisse, Unfälle, rufschädigende Gerüchte, nicht das Ergebnis eigenen Verschuldens, sondern eines Stasi-Maßnahmeplans war.
Für diese Menschen hatte die Stasiaktenöffnung eine heilende Wirkung.
Was wir nicht wollten, war eine sensationsgeleitete IM-Jagd.
Jeder, der schon einmal Stasiakten gesehen hat, weiß, dass es ganz unterschiedliche IM oder Stasimitarbeiter gibt. Auf der einen Seite der Skala steht Gregor Gysi, der seit über zwanzig Jahren die Öffentlichkeit über seine Stasimitarbeit, die vom Immunitätsausschuss des Bundestages als „erwiesen“ festgestellt wurde, belügt.
Seine jüngste Lüge war die Behauptung, der Richter, der ihn wegen eidesstattlicher Falschaussage angezeigt hat, hätte auch schon die Bundeskanzlerin angezeigt.
Auf der anderen Seite der Skala steht eine 16-jährige Waise, die eine Zeit lang bei mir eine Art Haustochter war. Sie wurde von der Stasi aufgefordert, Berichte über mich zu schreiben. Sie hat sich nicht getraut, das abzulehnen, aber die Berichte so blöd verfasst, dass die Stasi sie nach dem Dritten von ihrer IM-Liste strich. Oder , um ein bekanntes Beispiel zu nehmen, Ingo Steuer, der als Teenager, fern von seinen Eltern von seinen Trainern zur Stasimitarbeit gedrängt wurde und der, wie Sie, keine relevanten Berichte über Kollegen geliefert hat.
Wir wollten, dass Personen, die aktiv an der Verfolgung und „Zersetzung“ ihrer Mitmenschen beteiligt waren, im Vereinten Deutschland nicht gleich wieder in Politik und Öffentlichen Dienst verantwortliche Positionen einnehmen sollten.
Was wir nicht wollten, war eine sensationsgesteuerte IM-Jagd, die von den verantwortlichen Hintermännern, den Entwicklern von „Maßnahme-, und Zersetzungsplänen“ der Staatsicherheit, ablenkt und die Stasiaufklärung diskreditiert.
Aber genau das gelang nicht. Schon vor der Aktenöffnung wurden dramatische Fälle an die Presse gegeben, dass Ehepartner, Geschwister oder Eltern und Kinder einander bespitzelt haben. Die von der Bespitzelung Betroffenen wurden Gegenstand unerträglichen, rücksichtslosesten, voyeuristischen Interesses, das bis heute anhält.
Aus dem Blick geraten sind dabei die eigentlich Verantwortlichen: die Führungsoffiziere der Stasi und die SED- Machthaber, deren Schild und Schwert die Stasi war.
Nun wurden Sie vorgeführt, weil sie ein bekannter und beliebter Schauspieler sind.
Auch ich sehe SOKO Leipzig, wenn ich freitags zu hause bin. Noch mehr schätze ich Ihre kleinen Auftritte, mit denen Sie allein, oder mit Ihrer Tochter, Kultur bis in entlegene erzgebirgische Nester bringen.

Lieber Andreas Schmidt –Schaller, seien Sie versichert, dass alle, die Texte lesen können, wissen, das Ihnen nichts vorzuwerfen ist. Sie haben Sich geweigert, über ihre Schauspielerkollegen zu berichten und die Zusammenarbeit mit der Stasi beendet.
Das ist die eigentliche Botschaft: Man kann, aus welchen Gründen auch immer, einen Fehler gemacht haben, aber ein anständiger Mensch geblieben sein, so wie Sie.
Bild hätte Sie nicht so vorführen dürfen und zu hoffen ist nur, dass Bild aus diesem Fehler lernt.

Ich freue mich jedenfalls schon auf die nächste SOKO Leipzig und wünsche Ihnen noch viele gute Rollen!

Mit herzlichen Grüßen!

Ihre
Vera Lengsfeld



26.01.2013 - Lichtenberg ehrt die Gedenkstätte Hohenschönhausen



Am gestrigen 25. Januar fand im schönen Lichtenberger Rathaus in Berlin etwas statt, das man getrost als Zäsur bezeichnen kann.
Bürgermeister Andreas Geisel (SPD) überreichte dem Förderverein der Gedenkstätte Hohenschönhausen den „Preis für Demokratie und Zivilcourage“. In seiner Rede unterstrich Geisel, die Preisträger hätten sich „sich seit vielen Jahren beispielhaft um die Stärkung der Zivilgesellschaft und das demokratische Miteinander verdient gemacht und empfinden eine ausgeprägte Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft.“
Mario Röllig und ich hatten die Ehre, den Preis entgegennehmen zu dürfen.
Mancher im überfüllten Rathausaal konnte ein überraschtes Aufstöhnen nicht unterdrücken. Bevor Andreas Geisel Bürgermeister wurde, war der Bezirk fest in der Hand der SED -PDS- Linken. Die Bundestagsabgeordnete Lötzsch (Linke) verlies sogar unauffällig, aber zügig den Saal.
Jahrelang hatte es Spannungen zwischen dem Bezirk und der Gedenkstätte gegeben.
Das änderte sich erst, als Anderas Geisel ins Amt kam. Schon früh besuchte er mit einer repräsentativen Delegation aus dem Bezirksamt die Gedenkstätte und machte klar, dass er sich dafür einsetzen würde, dass zukünftig auch Lichtenberger Schulen sie besuchen würden.
Lichtenberg hatte lange Zeit mit den historischen Lasten zu kämpfen, die von der DDR hinterlassen wurden: Die Stasizentrale in der Magdalenenstraße, das Stasiuntersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen. Nach der Vereinigung kam der Ruf als Nazihochburg am Bahnhof Lichtenberg hinzu.
Heute gehört der Bezirk zu den am meisten unterschätzten in Berlin.
Es hat sich viel getan. Rings um das Rathaus ist in Nachbarschaft der Parkaue ein attraktives Wohngebiet entstanden. Im Jahr 1989 konnte man hier an den Hausfassaden noch die Einschusslöcher aus dem zweiten Weltkrieg sehen. In der ehemaligen Kleiderfabrik „VEB Fortschritt“ entstanden begehrte Lofts, die Straßen rings um die Normannen-, und Magdalenenstraße sind schön wie nie.
Wer dort spazieren geht, weiß, das es kein unrealistisches Ziel ist, was Bürgermeister Geisel verfolgt: Lichtenberg zu einem Ort für Familien mit Kindern zu machen.
Wenn, wie Roland Jahn vorgeschlagen hat, aus der ehemaligen Stasizentrale ein Campus für Demokratie wird, wird sich die letzte Düsternis, die der Ort heute noch ausstrahlt, verflüchtigen.
Die ehemalige Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen ist auf andere Weise zum Ort der Demokratie geworden. Jeder Schüler, der hier war, weiß am Schluss einer Führung, warum es sich lohnt, die Demokratie zu verteidigen. Die Gedenkstätte ist immer mehr als ein Museum gewesen. Sie ist ein Lernort, eine Denkwerkstatt. Mit dem Umbau und der neuen Ausstellung wird das noch deutlicher werden.
Mit dem Preis ist die Gedenkstätte Hohenschönhausen endgültig in der Mitte von Lichtenberg angekommen. Beide werden davon profitieren.



21.01.2013 - Das niedersächsische Menetekel

In den Kommentaren am Wahlabend und danach wurde vor allem deutlich, wie weit sich das Demokratieverständnis unserer Medien -, und Politikeliten bereits vom Grundgesetz entfernt hat. Da wurden die CDU- Vertreter immer wieder gefragt, ob es richtig gewesen sei, Stimmen an die FDP zu „verleihen“. Das Bewusstsein, dass der Wähler derjenige ist, der entscheidet, hat sich weitgehend verflüchtigt. Die Kommentatoren reden, als wären die Wähler Marionetten, an deren Fäden die Parteien ziehen.
Als Erfolg wurde gefeiert, dass diesmal die Wahlenthaltung „nur“ 40,06 % betragen habe, also 2,05 % Wähler mehr zur Wahl gegangen seien als 2008. Rechnet man das aufs Endergebnis hoch ,bekam die stärkste Partei CDU gerade mal 21,6%, die SPD 19,5 %, die Grünen 8,2% und die FDP 5,9% der Wählerstimmen. Sehen so Sieger aus?
Den meisten Grund zur Beunruhigung hat die CDU. Sie hat 6,5% ihrer Stimmen verloren, davon, im Gegensatz dazu ,was in den Medien suggeriert wurde ,die Mehrzahl keineswegs an die FDP ,sondern an die Nichtwähler. Rot-Grün ist es gelungen, Nichtwähler zu mobilisieren, dem bürgerlichen Lager nicht.
Aber diese klare Botschaft scheint in den Parteizentralen von CDU und FDP wieder nicht anzukommen. Während nicht genannt sein wollende Stimmen aus dem Konrad-Adenauer-Haus sich noch am Wahlabend den Grünen anbiederten und sich ziemlich würdelos ihre Hoffnung auf Machterhalt mittels „Ausweitung“ der Koalitionsoptionen klammerten, flüchtet die FDP wieder in die Personaldebatte, statt sich auf ihre Aufgabe als liberale Partei zu besinnnen.
Wenn die FDP allen, die wegen des fortgesetzten Vetragsbruchs bei der „Eurorettung“ besorgt und gegen die zunehmenden Zwangsregulierungen sind, die nicht nur aus Brüssel kommen, hätte die Partei bei der nächsten Bundestagswahl geschätzte 18% und könnte der CDU aus der Bredouille helfen.
Rot-Grün kann leider gewiss sein, dass diese Gefahr nicht besteht. Unsere politisch-mediale „Elite“ hat sich bereits zu sehr von der Realität entfernt, um sie noch wahrnehmen zu können. Sie bewegt sich weitgehend in einer Kunstwelt aus Umfrageergebnissen und selbst produziertem Meinungseinheitsbrei.
Unsere Kanzlerin, an die sich die Union auf Gedeih und Verderb gekettet hat, hält ihre Partei auf konstant historisch niedrigstem Niveau, was Wählerzustimmung betrifft.
Aber niemand unter den Strategen im Adenauerhaus schient auf den Gedanken zu kommen, dass dies der Tatsache geschuldet ist, dass die CDU inzwischen grüner als die Grünen, sozialdemokratischer als die Sozialdemokraten und fast so staatsgläubig wie die Linken geworden ist, aber ihren Markenkern, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft so gut wie aufgegeben hat.
Angela Merkel muss Kanzlerin bleiben, ist der Minimalkonsens, der die Inhalte ersetzt hat. Die meisten Parteimitglieder scheinen es inzwischen für eine gute Strategie zu halten, die Themen anderer Parteien zu besetzen.
Niedersachsen hat gezeigt, dass dies nicht aufgeht. Die eigenen Wähler bleiben zu hause, während die Wähler von Rot-Grün dann doch lieber das Original als die Kopie wählen.
Merkels „Energiewende“ hat die Grünen nicht geschwächt, sondern ihnen ein historisches Hoch beschert. Von Dankbarkeit für diese Wahlhilfe keine Spur.
In Niedersachsen wird lieber eine denkbar knappe Mehrheit in Kauf genommen, als der stärksten Partei die Regierungsbildung zu überlassen.
Dieses Szenario könnte uns bei der nächsten Bundestagswahl blühen. Dann hätten Merkel und die Union das Erfolgsmodell Bundesrepublik Deutschland endgültig verspielt. Statt Wahlfreiheit hätten wir dann Verbote und Zwangsregulierung für alle.